R.I.P Hüttendorf Anatopia

Fragt man heute jemanden in Papenburg nach dem ehemaligen Hüttendorf „Anatopia“, bekommt man nur ein Kopfschütteln oder eine Geschichte: „von den Verrückten von Außerhalb die da hinten im Moor gewohnt haben“. Bei meiner Recherche im Internet fand ich auch nicht gerade viel, so dass die Textabschnitte größtenteils übernommen wurden.


Am 4. Juli 1991 besetzten Aktivisten eine Stelle im Papenburger Moor durch die, die gigantische Mercedes-Teststrecke (12km lang und 3km breit) zukünftig verlaufen soll. Sie bauten ein Hüttendorf, um die Moorlandschaft mit ihren seltenen Tier und Pflanzenarten gegen die Zerstörung zu schützen. Aber dieser Protest sollte weitergehend verstanden werden, als ein Protest gegen jede Form von Ausbeutung und als Versuch eines alternativen Lebensentwurfes.

In 20 Hütten und Wagen, aus dem Müll der Gesellschaft, lebten sehr unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Visionen von Leben und Protest. Sie lebten unter einfachen Verhältnissen ohne Strom, ohne Wasser und ohne Autos, die Besetzer führten eine vegane Lebensweise und aßen jeden Abend gemeinschaftlich.

Sie hatten viel zu tun um die Aufmerksamkeit auf die Proteste zu lenken, Unterstützung durch andere Gruppen zu bekommen, Geld aufzutreiben und Demonstrationen und Konzerte zu organisieren.
Ein kleines Feld wurde kultiviert in der nähe eines benachbarten Bauernhofes und ein Infoladen in Papenburg eingerichtet um zu kommunizieren und unterdrückte Informationen weiterzuverbreiten.

Die Band Guts Pie Earshot veröffentlichte ein Album mit dem Namen Anatopia, ein niederländisches Filmteam drehte einen Dokumentarfilm über das Hüttendorf und den Protest gegen die Mercedes Teststrecke.

Der Film wurde inzwischen ins Internet gestellt und kann mit russischen Untertiteln auf youtube angesehen werden.

Anatopia Movie Papenburg

Anfang Januar 1995 wurde auf dem Gelände der geplanten Mercedes-Teststrecke bei Papenburg das Hüttendorf „Anatopia“ von der Polizei geräumt. Der Verkehrsclub Deutschland kommentierte diesen Polizeieinsatz mit der Erklärung, er sehe darin die Entschlossenheit von Mercedes, nun mit allen Mitteln seine Entwicklung noch schnellerer und größerer Limousinen voranzubringen. „Die Räumung spiegelt aber auch die niedersächsische Betonpolitik wieder, die, statt mit der dringend notwendigen Wende in der Verkehrspolitik Ernst zu machen, am laufenden Band bemüht ist, die Autoindustrie zu hofieren.“

Nach der Räumung fanden Solidaritätsaktionen in ganz Deutschland statt.

6 / 10 /’94: Die letzte Tagung des Papenburger Rates zur Vertreibung von Anatopia, wurde laut gestört, es gab Kämpfe mit der Polizei.

11/11 /’94: Der letzte Termin für eine freiwillige Räumung

19/11 /’94: Bei einer Demonstration in Papenburg mit mehr als 100 Teilnehmern wird ein großes Mercedes Zeichen symbolisch verbrannt.

Eine kleine Demonstration findet in Berlin statt.

Ende November: Demonstration gegen Mercedes in Stuttgart.

11/12 /’94: Eine Brand-Bombe erlischt unter einem Mercedes Auto in Bremen.

13/12 /’94: Unbekannte Menschen füllten Beton in das Büro der Grünen in Hannover.
Die Grünen waren mitverantwortlich für den Verkauf des Landes.
Andere verbrannten ein großes Mercedes-Zeichen auf dem Markt in Hannover.

17/12 /’94: Anschlag auf eine Mercedes Niederlassung in Hannover, zwei Autos verbrannten

4 / 1 /’95: 15 maskierten Personen zerschmetterte Fenster und Autos in einer Mercedes Niederlassung in Hamburg – sie malten: „Wenn Räumung – dann Krieg“

6 / 1 /’95: 15 maskierten Personen sprayten Slogans für Anatopia in Oldenburg, ein vorbeifahrendes Polizeiauto wurde angegriffen.
Ein Fenster eines Polizeirevier in Luthringhausen wurden zerbrochen und mit Sprüchen verziert.

Fenster zerschellten an einer Mercedes Niederlassung in Wuppertal.

7 / 1 / 95: Räumung des Hüttendorfes Anatopia.

In dieser Nacht sorgten 40 maskierten Personen für Aufruhr in Hamburg, Sie beschädigten mehrere Mercedes-Fahrzeuge und setzten eines in Brand

8 / 1 /’95: 30 Personen in einer Mercedes Niederlassung in Lübeck. In der Nähe von Lübeck einige Fenster einer Mercedes Niederlassung zertrümmert.

9 / 1 / 95: 40-50 Personen blockieren die Straße zu einer Mercedes-Niederlassung in Osnabrück

10 / 1 /’95: Sieben Menschen stören in einem Mercedes-Shop in Osnabrück.

11 / 1 /’95: Drei Mercedes verbrannten in einer Mercedes Niederlassung in Wilhelmshaven.

Fenster werden an einem Mercedes-Shop in Bremen zertrümmert

In der gleichen Woche: Autonome greifen eine Mercedes Niederlassung in der Nähe von Frankfurt an.

12 / 1 /’95: Demonstration gegen Mercedes in Bielefeld.

14 / 1 /’95: Großer Schaden für Mercedes durch einen Brand in Greifswald

Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit – es gab mindestens eine Aktion in Berlin. Einige Wochen später, im Februar, gab es drei Aktionen gegen die Mercedes-Betriebe in: Aurich, Wittmund und Leer. (Städte in der Nähe von Papenburg)

Quellen:
http://www.eco-action.org/dod/no5/world_mercedes.htm
http://en.wikipedia.org/wiki/Anatopia
http://www.stachel.de/95.01/1kb.html
http://www.stachel.de/94.11/11MBENZ.html


2 Antworten auf “R.I.P Hüttendorf Anatopia”


  1. 1 Ludger Brink 26. März 2011 um 22:16 Uhr

    Moin moin lieber Verfasser dieser intersanten Internetseite.
    Ich war damals kein Mitbewohner des Hüttendorfes,
    aber haben von den Wiederstand einiges mitbekommen,
    da ein damals sehr guter Freund von mir aktiv wiederstand
    geleistet hat. Einige Vorbereitungen diverser Aktionen
    fanden bei uns zu Hause statt. Ich war immer Gegner der Teststrecke,weil auch Argumemtationen der Befürworter (Arbeitsplätze) nicht eingehalten worden sind.Die Teststrecke brauchte sowohl Papenburg als auch Mercedes nicht,sonst hätte sie sie ja auch nicht verkauft. Etwas Widerstand habe ich auch geleistet indem ich z.B. Flyer an Haushalte verteilt habe.
    In meiner Erinnerung war es damals eine sehr schöne Zeit.
    Um die Erinnerung an die 90iger wieder aufblühen zu lassen wäre es nicht schlecht,wenn ich die Dokumentation,die das niederländische Fernsehen über das Dorf gedreht hat, sehen könnte.
    Meine Frage:
    Gibt es davon eine DVD oder einen Videoschnitt?
    Bzw. wissen Sie noch welcher Sender dies Dokumentation gedreht hat?
    Für die Beantwortung der Frage im vorraus besten dank.
    Ludger Brink

  2. 2 Bernd 07. Juli 2013 um 20:31 Uhr

    Moin, ich vernehme vermehrt rechte Aktivitäten in Papenburg, Aschendorf, Leer und Weener, kann das jemand bestätigen?
    Ich bin neu im Emsland, das ist mir aber ziemlich schnell aufgefallen :(

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